In so viele Gesichter habe ich vor 10 Jahren schon bei gedämpften Licht rund um die Midsommarnacht geschaut. Mit vielen Gesichtern verbindet sich eine Geschichte, die sich unweigerlich ihren Weg durch meine Erinnerung bahnt.

Da steht der Typ, in den ich mal verschossen war.
Der Mensch, mit dem ich groß geworden bin.
Die Frau, die mir immer Respekt eingeflößt hat.
Da, hinter dem Bierwagen steht die Gruppe Menschen, die wir früher, die „Großen“ genannt haben. Noch immer in der selben Besatzung.

Es sind die selben Gesichter wie vor 10 Jahren und doch haben alle eben jene 10 Jahre hinter sich. Und so sind es Fremde, die einst Vertraute waren.
Man hat sich auseinander gelebt, jeder ist seinen ganz eigenen Weg gegangen. Den einen hat es rausgeführt aus diesem Ort, die anderen sind geblieben. Und doch führen alle diese verschlungenen Spuren  einmal im Jahr zurück nach Hause.Ein paar graue Haare hier und da ein paar Kilos mehr, doch das Lachen ist das Gleiche geblieben.

Während die Musik aus dem Zelt wummert schau ich mir all die Leute an, versinke in Gedanken und spüre dieses alte Kribbeln im Bauch.

Heute genieße ich den Nachmittag mit dem Sohnemann auf dem Fest, nasche Kuchen und lausche dem Nachmittagsprogramm. Der Räuber macht seine ersten aneinander gereihten Schritte um den Bierwagen. Mich durchläuft die Angst, dass er gleich jemandem in die Waden beißt. Glücklicher Weise kommen aber alle nackten Waden ohne eine schändliche Attacke davon. Nur der Doggenwelpen muss dran glauben und wird bekuschelt. Wieder einmal wird mir klar: Ich mag einen Hund haben!

Jeder, der an uns vorbei geht, gluckst fröhlich, dass ich das als Babyversion ja noch mal da bin. Es hat eben Vor- und Nachteile wieder auf dem heimischen Dorf zu leben. Es sieht einen jeder älter werden. Doch ich bin froh über die Ähnlichkeit von uns beiden und genieße jede Erkenntnis in vollen Zügen. Noch mehr in Herz trifft es mich aber, wenn jemand Ähnlichkeiten zu meinem Papa feststellt.

Hier und da verabredet man sich für den Abend und wirft mit der Floskel um sich, dass man sich dringend öfter sehen sollte, obgleich man genau weiß, dass es nie so kommen wird. Schade eigentlich.

Die altbekannte Nachmittagslücke tut sich auf und so geht man heim, isst, macht sich hübsch und ist voller Vorfreude, Menschen zu treffen, die man lange nicht  sah.

Meine beste Freundin und ich haben uns verabredet zum „Leute gucken“ und so stiefeln wir los. An der Kasse, an der wir noch 9 Jahre zuvor saßen , müssen wir unseren Eintritt nun selber zahlen, lassen uns das blaue Band umlegen und steuern natürlich als erstes das Essen an.

Von hier aus haben wir die beste Sicht, wer kommt und wer schon da ist.

Es ist verwunderlich, wie die Zeiten sich geändert haben. Wir saßen dort an der Kasse, haben uns gegenseitig Klebe- und Maltattoos verpasst, Sekt getrunken und eine gute Zeit gehabt. Heute sitzen dort Mädchen, in schniekem Dress (alle das selbe) und schauen ernst drein. Plötzlich fühlen wir uns mit 27 schon alt. Schieben den Burger in den Mund und sind zeitgleich froh, in einem Alter zu sein, in dem wir das ganz ohne Gruppenzwang tun können.

Und wie es dunkel wird, scharren sich die Älteren wie die Motten um den hellerleuchteten Bierwagen, während die Jüngeren zu wummernden Bass tanzen. Es trennt sich eben, wer schon Alkohol kaufen darf und wer gerne würde aber nicht darf.

Gut für uns, im grellen Licht können wir alles mit unserem Alster in der Hand überschauen und ich merke, dass ich mich kaum verändert habe. Eine gute Aussicht auf alles, aber doch nicht der Mittelpunkt.

Und während alle beisammen stehen, lachen und erzählen, fühlt es sich wie ein Film an, der an einem vorbeizieht und eine gewisse Melancholie durchströmt mich. Mit 14 war ich totunglücklich, weil ich groß sein wollte, feiern wollte. Mit 17/18 Jahren feierte ich wie eine Verrückte. Das Dorffest gehört mit jedem Schluck Alkohol mehr mir und meinen Freunden. Ich hatte, was ich mit 14 wollte. Mit 27 bin ich wieder allein, doch sehne ich mich nicht mehr nach dem Mittelpunkt zwischen anderen, sondern nach meinem ganz eigenen und finde ihn in der Erkenntnis, dass ich mich nicht allein verändert habe.

Autor

Serienjunki, Buchverrückt, Mama seit 2018

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